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Das 5. Neuhauser Wasservogelfest 2015

Am Sonntag, 26. Juli 2015 ist es wieder so weit: nach 2007, 2009, 2011 und 2013 findet das 5. Wasservogelfest in Neuhausen statt.

Über die historischen Hintergründe informiert ein Faltblatt, das die Veranstalter, der Stadtteilkulturverein, die Freie Turnerschaft München Gern und die Geschichtswerkstatt Neuhausen aufgelegt haben. Es ist beim Fest am Rotkreuzplatz erhältlich.

Der zeitliche und örtliche Ablauf des Festes ist wie folgt geplant:


10.00 Uhr

Eintreffen der am Festzug teilnehmenden Vereine am Rotkreuzplatz

11.00 Uhr Die Vorsitzende des Stadtteilkulturvereins, Ingeborg Staudenmeyer, wird die Gäste begrüßen und das Fest eröffnen. Der Wasservogel wird seine ersten Sprüche aufsagen.

11.30 Uhr Der Festzug setzt sich durch die Winthirstraße zum Schlosskanal in Bewegung. Halten wird der Zug am Postamt 19, beim "Großwirt" und bei der Blindeninstitutsstiftung, wo jeweils ein Wasservogelspruch aufgesagt wird. Von der Gerner Brücke wird der Wasservogel dann in den Schlosskanal geworfen. Er wird von der Westseite der Brücke, also in Richtung Schloss Nymphenburg ins Wasser gestoßen. Der Festzug geht dann weiter durch die Südliche Auffahrtsallee, über das Südliche Schlossrondell und die Hirschgartenallee in den "Königlichen Hirschgarten". Dort ist Böllerschießen, dann Ausklang und gemütliches Beisammensein.


Es wird wieder mit großem Zuschauerinteresse gerechnet. Den besten Blick auf den "Wasserwurf" haben die Besucher ab der Gerner Brücke nach Westen entlang der Südlichen und Nördlichen Auffahrtsallee. Die Gerner Brücke ist nur für die Wasservogelgruppe zugänglich.

Zur Geschichte des Wasservogels in Neuhausen

Bis in das 19. Jahrhundert hinein wurde in Neuhausen jedes Jahr das Wasservogelfest gefeiert, dessen Ursprung vermutlich noch aus heidnischer Zeit stammt. Wahrscheinlich war es bei den Germanen ein Ritus um einerseits die Gewässer (Flüsse, Seen, große Bäche) zu besänftigen, andererseits große Fruchtbarkeit durch Regen zu erzielen. In Bayern war dieser Brauch auch unter der Bezeichnung „Pfingstl“ bekannt. Es gibt zahlreiche Berichte über diesen Brauch, der nicht nur in den nördlichen und westlichen Vororten (jetzt Stadtteilen) Münchens begangen wurde, sondern auch in der Hallertau und in Niederbayern. Deshalb gibt es auch zahlreiche Varianten, wie dieses Fest in den einzelnen Regionen durchgeführt wurde, die aber alle eines gemeinsam hatten: am Ende wurde ein Bursche ins Wasser geworfen.

Bei den Wiederaufführungen haben die Veranstalter entschieden, dass nur auf historische Quellen aus der Neuhauser Ortsgeschichte zurückgegriffen wird. Es sind dies die „Geschichte Neuhausens“ des Kupferstechers Albrecht Schultheiß (1823-1909), das Buch „Die Vorstadt Neuhausen“ von Joseph Lipp (1855-1932), Rektor der Neuhauser Schule, und der Bericht von Neuhausens Bürgermeister Georg Lindau (1816-1895), der das Wasservogelfest im Jahr 1828 noch miterlebt hatte. Aus den genannten Quellen lässt sich das historische Wasservogelfest wie folgt rekonstruieren:

Jedes Jahr am Pfingstmontag versammelten sich die Burschen des Dorfes, um den Wasservogel zu bestimmen. Dieser wurde mit Schilf, Binsen, Stroh, Laub und bunten Bändern geschmückt, hielt einen hölzernen Vogelkopf als Szepter in der Hand und wurde auf einem Pferd, begleitet von den anderen Burschen, durch das Dorf geführt. In Neuhausen ging der Weg durch die einzige vorhandene Straße im Dorf, die heutige Winthirstraße, an der links und rechts die Bauernhöfe lagen. Vor den Häusern sagte einer der Burschen einen Spruch auf, die anderen fügten am Schluss einen Juchzerer hinzu. Dann erhielten sie Naturalien (Eier, Mehl, Butter). Als die Anwesen alle abgeklappert waren, begab sich die Gruppe an den jetzigen Rotkreuzplatz, Dort wurde der Wasservogel vom Pferd herab in den Dorfteich (die „Schwabenlacke“) geworfen. Der hölzerne Vogelkopf wurde unter den Teilnehmern verlost, der Gewinner nagelte ihn an den First seines Stadels als besonderen Schutz gegen Blitz und Feuer. Aus den gesammelten Lebensmitteln wurden beim Großwirt, dem damals einzigen Wirtshaus im Dorf, Küchlein („Kiachal“) gebacken und unter großem Hallo und mit viel Bier verzehrt.

Im Jahr 1828 wurde dieser Brauch verboten. Das kam so: Die Neuhauser hatten sich vorgenommen, in diesem Jahr mit dem Wasservogel vor das Schloss Nymphenburg zu ziehen und dem König Ludwig I. ihren Vers vorzutragen. Dafür hatten sie Rokokokostüme angezogen. Als sie vor dem Schloss ankamen, war ihnen der Moosacher Wasservogel mit seiner Gruppe zuvorgekommen. Der Plan, in diesem Jahr vor das Schloss zu ziehen, war an die Moosacher verraten worden. Es entwickelte sich daraus eine heftige Schlägerei, die erst durch das Eingreifen der Schlosswache beendet werden konnte. Den König bewog das dazu, das Wasservogelfest zu verbieten. Daraufhin hat es nicht mehr stattgefunden. Nach 179 Jahren wurde diese Tradition im Jahr 2007 wieder zum Leben erweckt. Der Chef des Hauses Wittelsbach, Herzog Franz von Bayern hat durch seine Teilnahme symbolisch das Verbot König Ludwigs I. aufgehoben. Diese erste Wiederaufführung des Wasservogelfestes war ein großer Erfolg. Rund 4.000 Besucher erfreuten sich an dem Spektakel.

Natürlich musste der Brauch den heutigen verkehrlichen und baulichen Gegebenheiten angepasst werden. Der alte Weg durch die Winthirstraße wird beibehalten, aber es gibt keine Bauernhöfe mehr, deshalb werden die Verse des Wasservogels vor ausgesuchten Gebäuden vorgetragen, und da auch der Dorfteich auf dem Rotkreuzplatz nicht mehr vorhanden ist, bleibt als einziges vorhandenes Gewässer nur der Schlosskanal. Schließlich entspricht auch das Sammeln von Naturalien nicht mehr den heutigen Gepflogenheiten, so dass die Wasservogelgruppe die von ihr ausgesuchten und angesprochenen Personen um ein Geldgeschenk bittet, das in die Vereinskasse weitergegeben wird. Ursprünglich wurde der Wasservogel am Pfingstmontag gefeiert. Da Pfingsten inzwischen eine bevorzugte Urlaubszeit geworden ist, wurde der Termin nach hinten verlegt. Auch die Verbindung des Wasservogelfestes mit einem Festzug der Neuhausen- Nymphenburger Vereine war von Anfang an geplant, um möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zu geben, daran teilzunehmen. Die Aufführungen seit 2007 sollen eine alte örtliche Tradition neu beleben.